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der Kies muss weg Schottergarten
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#neinzustein | Gegen die Verschotterung unserer (Vor-)Gärten

Werbung | Kooperation mit “Blumen – 1000 Gute Gründe” und fachlichem Input von Brigitte Goss

Seit ungefähr 10 Jahren breitet sich der Trend zu Steinflächen in Deutschen Vorgärten aus. Wie aber sind sie so schnell populär geworden? Ich habe in verschiedene Richtungen recherchiert und dabei den Eindruck gewonnen, dass es damit begann, dass sich einige (wahrscheinlich gärtnerisch unerfahrene) Menschen einen ‚pflegeleichten Garten’ mit Gelinggarantie gewünscht haben. Ich erlebe solche Erwartungen auch manchmal bei Leserfragen, in denen Menschen traurig berichten, was alles nicht geklappt hat, kann dann aber meistens bestärken und Mut machen, dass mit etwas Geduld und Demut eigentlich jeder gärtnern lernt.

Für manche Hausbesitzer wirken Steine als Gartenbewohner aber auch nach ausführlicher Beratung „sicherer“ als Pflanzen, bei denen Gartenbaubetriebe natürlich nicht unbedingt eine ‚Anwachsgarantie‘ geben können. Auch sind Schotterflächen vergleichsweise einfach in der Planung und können auch von Menschen mit wenig Erfahrung umgesetzt werden. Und wie das oft so ist: ein Nachbar fängt mit der vermeindlich ‚pflegeleichten Gestaltung´ an und die anderen machen es nach. Schließlich haben viele von uns durch Job, Familie, Freunde und Hobbys wenig Zeit, mögen es dann aber doch gerne „ordentlich“.

Schottergarten mit Unkrautfolie

Wo ist jetzt das Problem?

Steingärten als solche wären ökologisch sogar vertretbar, problematisch sind vor allem die unter den Steinen verwendeten Unkrautvliese und Sperrfolien. Unsere Gärten dienen ja idealerweise als unversiegelte Flächen, über die Niederschläge wieder teil des Grundwasserkreislaufs werden können. Folien und Vlies bilden hier Barrieren und schneiden damit diese Flächen auch weitestgehend von diesem Kreislauf ab. Durch das Fehlen von Wasser und Sauerstoff sterben kostbare Bodenlebewesen ab und es dauert mitunter Jahre, um solche Böden später wieder zu sanieren.

Themenwoche #neinzustein

Aber was wäre ein schlechter Trend ohne eine gute Gegenbewegung, wie z.B. die Fachgruppe Naturgarten des NABU Landesverbands Berlin.

Im Bereich Naturschutz gibt es viele gute Projekte, von denen aber mitunter nur wenige Menschen etwas mitbekommen. Umso mehr freue ich mich über die Zusammenarbeit mit Blumen – 1000 Gute Gründe, die gerade eine Aktionswoche #neinzustein initiiert haben, um wieder mehr Grün in Deutschlands (Vor-)Gärten zu bringen, zu der dieser Beitrag den Abschluss bildet.

Blumen – 1000 Gute Gründe wirbt seit Jahren für mehr Pflanzen und Blüten im Garten, auf dem Balkon und in der Vase und unterstützt Crestor wie mich dabei, sozusagen als “grüne Cheerleader” Infos und Wissen zu vermitteln. Wir freuen uns daher sehr, wenn Ihr unsere Informationen und Anregungen weiter gebt. Sei es, indem Ihr diesen Artikel und unsere begleitenden Beiträge auf Instagram teilt oder einfach bei Gelegenheit Euren Nachbarn davon erzählt.

Der Kies muss weg

In Kleingartenanlagen kann man sich wirklich alle Arten von Geschmack ansehen. Ich sage immer der Schrebergarten ist eine Outdoor-Ausstellung von allem mit allem was die grüne Branche so Produziert. Laut Bundeskleingartengesetz ist ein Zukippen mit Steinen natürlich nicht erlaubt und wird deshalb glücklicherweise von vielen Vorständen verhindert. Ich möchte betonen, dass ich Schottergärten nicht ablehne, weil sie mir nicht gefallen, sondern weil sie durch die Kombination mit Unkrautfolien und Vliesen (unnötig) versiegelte Flächen darstellen. Prinzipiell finde ich nämlich, dass erst mal jeder nach seinem Geschmack gärtnern darf, solange dadurch kein ökologischer Schaden entsteht. Auch die Verbote durch manche Kommunen soll keine Gängelung der Bevölkerung darstellen, sie dient vielmehr der Vorbeugung von Flächenversiegelung.

Falls Ihr Anregungen zu Alternativen sucht, schaut doch mal bei meinen Artikeln zur Pflanzung eines Staudenbeetes und zur Beetpflege im Jahresverlauf vorbei, die dieses Jahr auch mit Unterstützung von Blumen – 1000 Gute Gründe entstanden sind.

Die Sache mit dem Kiesweg

Ich musste nach dem Besuch des Elektrikers in ersten Gartenjahr einen Garten mehr oder weniger neu aufbauen und dabei auch eine längere Wegstrecke neu gestalten. Da ich kein Auto habe um Platten zu transportieren und es einigermaßen schnell gehen sollte, habe ich mich damals entschieden, einen Kiesweg anzulegen, da ich die Säcke mit dem Lastenrad aus dem nahe gelegenen Baumarkt holen konnte. Das hat soweit ganz gut geklappt, allerdings hatte ich damals keine Vorstellung, wie pflegeintensiv die Wegfläche ist, da Falllaub nicht einfach weggekehrt werden kann, sondern mit Rechen oder von Hand vom Kies getrennt aufgesammelt werden muss. Einfach liegen lassen kann ich es leider auch nicht, da es sonst verrottet und sich dort überall Unkraut aussamt. Fazit: ich mag meinen Kiesweg, aber er ist weder besonders pflegeleicht, noch ordentlich.

Argumente, falls Ihr in eine Pro & Contra Schotter-Diskussion geratet

Nachteile von Steinflächen

  1. Bereiche mit Steinen wärmen sich auf und der Abkühlungseffekt den Gartenpflanzen auf die Umgebung haben geht dadurch verloren
  2. Auf versiegelten Flächen kann kein Regenwasser versickern
  3. Schotter ist nicht so pflegeleicht, wie er oft dargestellt wird. Zwischen den Steinen sammeln sich Staub und Blätter und bieten damit gute Wachstumsbedingungen für Unkräuter. Algen und Flechten lassen die Steine dann auch schnell ungepflegt aussehen. Das Ausbringen von Herbiziden ist auf nicht gärtnerisch genutzten Flächen übrigens verboten.*
  4. Einzelpflanzen und Formgehölze innerhalb der Schotterfläche leiden unter der Aufheizung.
  5. Schottergärten sind nicht unbedingt günstig in der Anschaffung und können bei der Entsorgung von Folien und Steinen richtig teuer werden.
  6. Das Bodenleben wird oft nachhaltig gestört
  7. Steinflächen tragen zum Artensterben bei, da sie kaum Lebensräume für Kleinlebewesen bieten.
  8. Steine fördern Vandalismus, da sie übermütige Kinder zum Werfen förmlich auffordern.

* das habe ich kürzlich in der Gartenfachberater-Ausbildung, die ich über den Verband der Gartenfreunde absolviere erfahren.

Steine sind nicht immer schlecht

Schotter kann unter Umständen als wärmespeichernder Mulch dienen, verwendet ihn dann allerdings in Kombination mit Hitze- und Trockenheitsresistenten Pflanzen, die tief wurzeln und eben unbedingt ohne sperrende Vlieschichten und Folien. Mit der Mischung unterschiedlicher Steingrößen kann man auch durchaus schön gestalten, verzichtet, aber bitte auf abgegrenzte Flächen mit unterschiedlichen Steinfarben. Sonst sitzt Ihr bald wie Aschenputtel im Vorgarten und sortiert helle und dunkle Sternchen auseinander, die durch Wind und Regen durcheinander geraten sind.

Positivbeispiele für Steine im Garten

  1. Trockenmauern als Lebensraum für wärmeliebende Kleintiere wie Eidechsen
  2. Kräuterspiralen die für mediterrane Pflanzen wie Rosmarin oder Salbei Wärme speichern
  3. Grobkörniger Sand als Material zum Abmagern sehr schwerer Böden
  4. Kies (ohne Folie) als Mulchmaterial im Staudenbeet
  5. Kiesgärten mit unbepflanzten Bereichen mit feinen Erdanteilen bieten Lebensraum und Brutstätten für bodenbrütende Bienen.

Was tun, wenn man einen Schottergarten übernimmt?

Das wichtigste: irgendwie die Folie rauskriegen und fachgerecht entsorgen. Da dabei unerwartet große Mengen zusammenkommen können, lasst Euch ggf. von einem ein Gartenbaubetrieb helfen. Im Nachgang könnt Ihr Bereiche (dicht) begrünen, z.B. mit mehrjährigen winterharten Stauden, heimischen Wildpflanzen oder Gräsern. Wer möchte, kann auch bewusst eine Ruderalfläche mit Pflanzen für Magerstandorte anlegen, auf der sich heimische Wildkräuter aussamen und Lebensraum für verschiedene Wildbienenarten entsteht. Vielleicht habt Ihr auch Lust Euch mit dem Konzept des Blackbox-Gardening auseinanderzusetzen? Hier wird der Garten durch einige strukturgebende Pflanzen wie Gehölze und Gräser gestaltet und mit selbst versamenden Arten ergänzt, die sich ihre Standorte selbst suchen dürfen. In meinem Fall sind das z.B. Hornveilchen, das Argentinische Eisenkraut und verschiedene Mohnsorten, die vor allem an den Rändern meines Kiesweges immer wieder auftauchen.

Trockenheitsresistente Wildpflanzen

  • Färberkamille
  • Königskerze
  • Natternkopf
  • Gräser
  • Verschiedene Salbeiarten
  • Brauner Storchschnabel
  • Blauraute
  • Katzenminze
  • Thymian
  • Dost

Alles kommt wieder

Steine im Vorgarten sind übrigens kein ganz neues Phänomen. In den 1970-er und 80-er Jahren gab es schon mal eine ähnliche Bewegung. Der Film „Grün kaputt“ von Dieter Wieland hat das damals ganz gut dokumentiert. Darauf folgte eine deutliche Gegenbewegung hin zum ökologischen Gärtnern. Damals vorangetrieben von Menschen wie meiner Mutter, die in dieser Zeit z.B. auch selbst Essig und Kombucha hergestellt und veganes Gulasch aus Soja-Schnetzeln gekocht hat.


Die Beiträge meiner Creator Kolleg*innen zur Themenwoche #neinzustein


Ein paar gute Bücher zum Weiterlesen

Der Kies muss weg | Tjards Wendebourg

Tjards Wendebourg Redaktionsleiter der Gemeinschaftsredaktion GaLaBau und Landschaftsarchitektur des Ulmer Verlags und kann mit Magazinen wie Gartenpraxis oder Freiraumgestalter auch auf Profis Einfluss nehmen, dass Schotttergärten hoffentlich bald als kurzzeitiges Phänomen des frühen 21. Jahrhunderts den geschmacklichen Anekdotenschtz nachfolgender Generationen bereichern.

Gärten des Grauens | Ulf Soltau

Ein Coffetable-Book der anderen Art, das einen gleichermaßen zum Lachen und Weinen bringen kann. Wenn Euch ein Buch zu viel des Guten ist: Der Botaniker Ulf Soltau sammelt auch bei Instagram die Absurditäten der Deutschen Steinwüsten.

Hier wächst nichts | Jörg Pfenningschmidt & Jonas Reif

Die beiden Gartengestalter berichten mit viel Beobachtungsgabe und einem guten Schuss Selbstironie und Sarkasmus aus ihren und fremden Gärten. Hier könnt Ihr lesen, was andere Gartenbücher verschweigen: Kinder gehören nicht in den Garten, Männer können keine Sträucher schneiden und Rosen sind komplett überflüssig. Eine humorvolle Abrechnung mit dem vermeintlichen Versprechen des „Pflegeleichten“, der „Ökowohlfühlwelt“, Easy-Gardening-Ratgebern und Architekten.


Im Sommer 2021 war ich mit Jens Haentzschel und Brigitte Goss im Rahmen einer early bird Führung morgens auf der BUGA im egapark unterwegs und habe dort den tollen Gräsergarten der Gartengestalterin Petra Pelz bewundert, der teilweise gekiest ist. Darauf folgte ein längeres Gespräch mit Brigitte über den Sinn und Unsinn von Steinen im Garten. Ganz herzlichen Dank für den spannenden Austausch, den tollen fachlichen Input zu diesem Beitrag, die weiterführenden Lesetipp und die vielfältigen Fotos, die diesen Artikel bebildern.

Brigitte arbeitet als Kreisfachberaterin für Gartenkultur und Landespflege und betreut in Unterfranken einige Gemeinden bei der (Um-)Gestaltung von öffentlichen Plätzen und Flächen. Falls Ihr sie erleben möchtet: sie ist Sonntag morgens regelmäßig bei MDR Garten als Expertin zu Gast oder besucht sie bei Instagram

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