Erinnert Ihr Euch noch an diese Büropflanzen in Hydrokultur aus den Achtziger Jahren? Bogenhanf im Plastikbehälter auf Rollen mit Blähtoneinlage und Wasserstandsanzeiger? Der Inbegriff der Spießigkeit (mir fällt gerade auf, dass Hydrokultur Pflanzen Ihr schlechtes Image mit den Schrebergärten teilen…) Darauf folgte ein kurzer Seramis-Hype bei den Zimmerpflanzen. Dann verschwand die Hydrokultur für mehrere Jahre von der Bildfläche.

Seit einiger Zeit sind Gummibaum, Monstera und Bogenhanf wieder gesellschaftsfähig und (nun wieder in normaler Blumenerde) wieder in unsere Wohnzimmer eingezogen. Wenn eins sicher ist, dann, dass alles nochmal wieder kommt!

Gärtnern ohne Erde?

Eine der schönsten Sachen am Gärtnern ist für viele ja das Wühlen im Dreck und ohne die ewig schwarzen Räder unter den Fingernägeln würde mir doch direkt was fehlen. Seit einer Weile höre ich es nun aber aus den verschiedensten Ecken raunen, dass im Hydroponischen Farming ohne Erde die Zukunft unserer Lebensmittelversorgung steckt. Wenn man erst mal eine selektive Wahrnehmung dafür entwickelt hat, stolpert man überall drüber. Da wäre einerseits der neue EDEKA, der gleich bei unserem Garten aufgemacht hat. Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich dort ein Kräuter Gewächshaus der Firma infarm entdeckt habe, in dem die Kräuter direkt im Supermarkt wachsen. Letzten Winter habe ich bei IKEA eine große Auswahl an Hydroponischen Anzuchtgewächshäusern gesehen. Mittlerweile kommen sogar schon fertige Systeme mit automatischer Bewässerung für den Hausgebrauch (im verlinkten Artikel etwas runterscrollen) auf den Markt. Mit meinem Artikel möchte ich Euch erst mal einen groben Überblick geben und dann das Thema in der kommenden Zeit hier auf dem Blog weiter entwickeln. Mal sehen, wo es uns hinführt!

Wie funktioniert Hydroponik?

Man möchte es kaum glauben, aber die Pflanzen wachsen ohne Erde, und werden nur über das umgebende Wasser mit Nährstoffen versorgt. Das Substrat (Blähton, Steinwolle o.ä.) dient lediglich zur Stabilisierung der Pflanzen. Man unterscheidet dabei prinzipiell zwischen offenen und geschlossenen Systemen. Beim offenen System wird die Nährlösung immer wieder frisch zugegeben und ausgetauscht, während beim geschlossenen System das Wasser in einem Kreislauf laufend wieder verwendet wird. Die richtigen Dosierung der – für die Pflanze passenden – Nährstoffe spielt bei der Hydroponik logischerweise eine sehr wichtige Rolle.

Vorteile von Hydroponik

  • Im Gegensatz zur Erde, in der ja schon verschiedene Stoffe enthalten sind und die einen gewissen PH-Wert hat, kann beim Anbau mit Hydroponik die Nährstoffversorgung exakt eingestellt und auf die verschiedenen Wachstumsphasen der Pflanze angepasst werden.
  • Bei einer professionellen Ausführung der Anlage werden die Wurzeln besser mit Wasser und Sauerstoff versorgt.
  • Es kann auf kleinerem Raum angebaut werden, da die Wurzeln nicht so viel Platz benötigen und sehr einfach mehreren Etagen gestapelt werden können.
  • Ohne Erde fehlen auch die Bodenlebewesen, wodurch Schäden durch Pilze und tierische Schädlinge verringert werden können.
  • Dadurch können Pestizid- und Herbizidmengen signifikant verringert werden.
  • Bei geschlossenen Wasserkreisläufen wird deutlich weniger Wasser benötigt.

Wie funktioniert Hydroponik?

Eine kurze Geschichte der Hydrokultur

Der Begriff “Hydroponik” leitet sich von den griechischen Wörtern hydro (Wasser) und ponos (Arbeit) ab.

  • Schon die Azteken, bauten schwimmende „Inseln“ aus Binsen und Seegras zum Anbau von Feldfrüchten, deren Wurzeln ins Wasser wuchsen und Marco Polo entdeckte  schwimmende Gärten in China.
  • 1699 bewies John Woodwart in einem seiner Experimente, dass Pflanzen ihre Nahrung aus dem Erdreich mithilfe des Wassers aufnehmen.
  • Julius von Sachs publizierte 1860 die Grundlage für die moderne Hydroponik in der er darstellte, dass Pflanzen ganz bestimmte Nährstoffe benötigen.
  • Dr. William F. Gericke legte in den 1920-er Jahren mit seinem Buch „The complete guide to soilless gardening“ den Grundstein für den Anbau ohne Erde.
  • Ab 1940 gab es einige Experimente mit Kulturen im Kiesbett und der Ebbe-und-Flut-Methode. Allerdings setzte sich diese nicht wirklich durch und die Hydroponik geriet für einige Zeit wieder in Vergessenheit
  • Erstmals wurde ab 1960 Steinwolle, als Substrat für die Züchtung von Pflanzen eingesetzt. In dieser Zeit begann auch die Entwicklung effektiverer Nährlösungen.
  • Seit 1985 entwickelte sich der großflächige gewerbliche Anbau weiter, aber auch private Pflanzenliebhaber entdecken die Methode für sich (vor allem für die Zucht tropischer Pflanzen). In den Niederlanden entwickelten sich parallel dazu eigene Verfahren für die Blumenzucht im Innenraum.
  • Seit 1995 steigert sich die kommerzielle Nutzung stetig. In Europa gründen sich momentan die verschiedensten Indoor Farming Startups, die immer komplexere, aber auch nachhaltigere und günstigere Systeme entwickeln. Dadurch entstehen Lösungen wie das Gewächshaus im Supermark mit Belichtung und Umwälzpumpe, aber auch Stadtmöbel zur Filterung von Feinstaub* oder kompakte Geräte für den unbedarften Privatanwender.
    * falls Du Dich für Feinstaub interessierst, kannst Du hier nachlesen wie man ein Feinstaub Messgerät selber bauen kann.

Und jetzt?

Anfangs fand ich die Idee des erdlosen Anbaus schon gruselig, da sie wenig mit meiner romantischen Vorstellung vom Gärtnern zu tun hat und mir der Einsatz einer  künstlichen, flüssigen Nährlösung irgendwie komisch vorkam. Ich möchte dazu aber gerne weiter recherchieren, mir verschiedene Firmen, die damit arbeiten anschauen und das auch im Kleinen zuhause mal ausprobieren. Hat von Euch denn schon jemand Erfahrung damit? Wenn ja, dann freue ich mich sehr über Tipps!

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