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Apfel alte Sorte Bioland Baumschule
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Der Apfelsammler oder „Wie man zu 500 alten Apfelsorten kommt.“

Interview mit Frank Wetzel von der Bioland Baumschule in Heidelberg

Dieses Jahr habe ich wieder die Messe Gartenträume besucht, an der ich vor allen die große Auswahl unterschiedlicher Aussteller sehr schätze. Die Firmen aus dem Bereich Garten- und Landschaftsbau präsentierten sich in extra für die Messe angelegten Schaugärten, diverse Verbände waren mit Infoständen vertreten, Hersteller von Gartenmobiliar und -dekoration präsentierten Ihre Produkte. Natürlich gab es auch zahlreiche Händler mit Gehölzen, Stauden, Blumen und Saatgut für jeden Geschmack und Geldbeutel. Für die Webseite der Gartenträume habe ich einen ausführlichen Nachbericht geschrieben, den Ihr hier nachlesen könnt.

Mein absolutes Highlight des Messebesuchs war ein Wiedersehen mit Frank Wetzel von der Bioland Baumschule in Heidelberg, der letztes Jahr meinen Pflaumenbaum veredelt hat. Ich habe ihn auf der Messe für ein Interview an seinem Stand besucht. Meine Fragen hat er mir mit viel Geduld und Charme beantwortet.

Frank Wetzel Bolandbaumschule Heidelberg

Herr Wetzel, erzählen Sie mir doch ein bisschen was über Ihren Hintergrund

Ich stamme aus einer Gärtnerfamilie und verbrachte meine Kindheit im Odenwald, wo ich viel bei der Apfelernte mithelfen musste. Da ist wohl meine Liebe zu Äpfeln entstanden. Leider hatte man als Kind nicht viel von der Ernte, da 90 % des Obstes für Most gekeltert wurden.

Haben Sie denn eine Lieblings-Apfelsorte?

Ja, definitv! Den Apfel Cox-Orange-Renette. Den habe ich schon als 10-jähriger Junge geliebt. In dem Alter wurde mir eigentlich auch schon auch klar: Ich will später mal Obstbäume machen.

Wie ging es dann weiter?

Gleich nach der Schule absolvierte ich eine Ausbildung in einer Baumschule und begann im Anschluss daran ein Studium der Gartenbauwissenschaft in Berlin. Kurze Zeit später bekam ich die Zusage für einen Studienplatz an der Universität in Weihenstephan, an der ich dann von 1982 bis 1987 studierte. Dort kam ich mit der Idee des biologischen Landbaus in Berührung. Schnell wurde mir klar, dass ich auf diese Art produzieren wollte.

1987 hatte ich die Möglichkeit zur Promotion, ich entschied mich aber in die Praxis zu gehen und zusammen mit meiner Frau unsere Baumschule in Heidelberg zu eröffnen, die wir seitdem als Familienbetrieb führen. Unser größtes Kapital sind unser guten Boden und das traumhafte Klima.

Warum und seit wann gehen Sie mit Ihren Bäumen auf Messen?

Die Messen mache ich seit ca. 5 Jahren. Neben dem Verkauf auf dem Hof und der Lieferung an Streuobst-Initiativen ist der Postversand ein dritter Vertriebsweg für uns. Da ein Obstbaum ein sehr emotionales Produkt ist und viele Leute wissen wollen, wer ihren Baum gemacht hat, sind die Messen sind eine tolle Möglichkeit, um mit den Kunden in Kontakt zu kommen.

Auf meinem Stand berate ich, helfe bei der Sortenauswahl und beantworte Fragen. Das geht theoretisch auch alles über’s Telefon, aber so von Angesicht zu Angesicht ist es eben doch viel persönlicher.

Sie haben eine Bioland-Zertifizierung. Was ist für mich als Kunde der Unterschied, wenn ich einen Bioland-Baum kaufe statt einem herkömmlichen Baum?

Erst mal sind unsere Bäume unbelastet von Schadstoffen und Pflanzenschutzmitteln, was für einen Obstbaum natürlich eine noch größere Rolle spielt als für ein Ziergehölz. Ebenso wichtig ist aber, dass unsere Bäume durch die Bioland-Aufzucht eine gewisse natürliche Robustheit mit sich bringen. Im herkömmlichen Anbau können Sie auch einen schwachen Baum mit Pflanzenschutzmitteln und Dünger so weit pushen, dass er ganz gut aussieht. Das dürfen und wollen wir im Bio-Anbau nicht, und dadurch schaffen es bei uns nur die gesunden und robusten Exemplare in den Verkauf. Ich sage immer: Wenn die Bäume bei uns den Hof verlassen, haben sie schon das Schlimmste hinter sich und der Kunde kann mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sich der Baum bei ihm gut entwickeln wird.

Rechnet sich das denn für Sie? Und wie viel Handarbeit wird benötigt?

Ein Bioland Baum kostet nur ca. 30 % mehr als ein herkömmlicher Baum und unsere Hauptarbeit besteht in der Unkrautbekämpfung. Als Bio-Betrieb dürfen wir Unkraut nur mechanisch entfernen, und das ist schon ziemlich viel Aufwand. Glücklicherweise haben wir mittlerweile sehr gute Maschinen dafür, die uns sehr viel Zeit und Handarbeit ersparen.

Ziehen Sie auch die Veredelungsunterlagen selbst?

Nein, die beziehen wir von einer Spezialbaumschule mit Bio-Zertifikat aus Holland. Wenn man keine Bio-Unterlagen benutzen würde, könnte man die Bäume 2 Jahre unter Bio-Bedingungen kultivieren. Dann wären sie aus gesetzlicher Sicht auch „umgestellt“, ich fühle mich aber moralisch verpflichtet, solange genug verfügbar sind, nur auf Bio-Unterlagen zu veredeln.

Sie haben über 500 verschiedene Sorten, hauptsächlich Äpfel. Wo bekommen Sie die denn her?

Die Sorten habe ich über Jahre gesammelt. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Entweder man tauscht Reiser mit anderen Pomologen, also z.B. ein Reis vom Gelben Berlisch gegen eins vom Roten Berlisch. Ich sammle aber manche Reiser der Kundenveredelungen und kultiviere sie weiter oder ich sehe einen tollen Baum irgendwo und frage dann, ob ich ein Reis bekommen kann.

Das Reis wird dann auf eine ganz schwach wachsende Unterlage veredelt. Der Baum bringt dann aus dieser Notsituation heraus schon nach ca. zwei Jahren die ersten Früchte, welche dann bestimmt werden können. Wir wollen ja sicher gehen, dass bei den von uns angebotenen Sorten am Ende auch die richtigen Äpfel am Baum hängen.

Sobald die Sorte richtig bestimmt ist, können wir aus den neuen Reisern „richtige“ Bäume kultivieren, die wir dann immer weitervermehren und natürlich auch verkaufen. Das Schlimmste was passieren könnte, wäre von einem Baum das Etikett zu verlieren, da man ihn ohne Sortenkennzeichnung eigentlich nicht mehr verkaufen kann.

Wie funktioniert die Veredelung und Aufzucht in der Baumschule?

Ich erkläre es Ihnen an einem Beispiel: Im März 2018 werden die Unterlagen aufgeschult (eingepflanzt). Dann veredeln wir die Unterlagen im Juli/August durch Okkulieren (dabei wird, anders als bei der Auftragsveredelung ganzer Reiser, nur ein einzelnes Auge eingesetzt). Aus dem veredelten Auge erfolgt dann ein neuer Austrieb. Im Februar 2019 wir dann „abgeworfen“, d.h. die Unterlage wird über der Veredelungsstelle abgeschnitten, so dass nur noch der Neuaustrieb stehen bleibt, der dann gestäbt und geheftet (hochgebunden) wird. Diese jungen Bäume werden im November 2019 gerodet und entweder gleich wurzelnackt verkauft oder getopft.

Was ist denn der Unterschied zwischen Bäumen mit Ballen und der wurzelnackten Ausführung?

Früher gab es eigentlich nur wurzelnackte Bäume. Diese sind in der Handhabung aber zeitlich begrenzt, da man sie ja gleich einpflanzen muss. Sie haben aber den Vorteil, dass sie leichter sind und dadurch besser verschickt werden können. Bäume im Topf sind eigentlich eine Angebotserweiterung, um ganzjährig Bäume anbieten zu können.

Haben Sie einen Buchtipp zum Thema Baumschnitt?

Es gibt ein altes Standardwerk – „Der Obstbaum“*. Ein tolles Buch, von dem alle nachfolgenden Autoren mehr oder weniger abgeschrieben haben. Dadurch sind eigentlich auch alle anderen Bücher ganz gut, weil eigentlich überall das Gleiche drin steht.

Wer sind denn Ihre Kunden? Sind das Privatleute? Und kaufen die einen Baum oder kommen sie immer wieder?

Neben den Großabnehmern haben wir auch viele Privatkunden. Die meisten kommen wieder und geben meine Adresse auch über Mund-zu-Mundpropaganda weiter. Das kann ich dann später auf den Bestellformularen sehen. Es kommen immer wieder Anfragen aus den gleichen Orten und Straßenzügen.

Haben Sie einen ultimativen Tipp für Hobbygärtner?

Das A & O ist, den Baum entsprechend dem Standort auszuwählen. Sobald Boden und Klima passen, sind schon mal 80 % der Probleme weg! Achten Sie deshalb, wenn Sie einen Baum aussuchen darauf, auf welcher Unterlage er veredelt wurde, da diese zu Boden, Klima und der gewünschten Endhöhe passen sollte.

Zum Schluss habe ich Herrn Wetzel noch nach seiner besten Anekdote gefragt. Ich erzähle sie Euch sehr gern, wenn wir uns mal irgendwo sehen. Hier aufschreiben kann ich sie leider nicht, da sonst vielleicht jemand Schwierigkeiten mit seinem Nachbarn bekommt.

Nach dem Interview hatte ich noch Gelegenheit, eine Veredelung live mit zu beobachten und ein paar Fotos zu machen. Zum Artikel: Obstbaum Veredelung Schritt für Schritt, bitte hier lang…

 

* leider habe ich selbst das Buch nicht gefunden, falls es von Euch jemand kennt, freue ich mich sehr über Hinweise!


Dieser Post ist nicht gesponsert. Für den verlinkten Bericht von der Gartenträume habe ich ein Honorar erhalten. Auf den Inhalt meiner Texte hat diese Zusammenarbeit keinen Einfluss.

 

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4 Kommentare

  • Antworten
    Jan Hoffmann
    26. Februar 2018 at 16:16

    Hallo,
    gemeint ist vermutlich das Buch „Der Obstbaum, Seine Pflanzung und Pflege als Hochstamm“ von Hermann Goethe.
    MfG

    • Antworten
      Hauptstadtgaertnerin
      27. Februar 2018 at 9:09

      Hallo Jan,
      danke für den Tipp. Das schaue ich mir auf jeden Fall an!
      Liebe Grüße,
      Caro

  • Antworten
    Bemerkenswertes im Februar | Paprika meets Kardamom
    2. März 2018 at 19:37

    […] Ihr interessiert Euch, wie man zu alten Apfelsorten kommt und jemand solche züchtet?: Der Apfelsammler oder „Wie man zu 500 alten Apfelsorten kommt.“ […]

  • Antworten
    Sebastian
    5. März 2018 at 10:19

    Das Buch ist von Paul Enkelmann und wurde m. E. 1898 erstmals veröffentlicht. Es finden sich zahlreiche Exemplare die zum Verkauf angeboten werden z.B. bei booklooker.
    Titel:
    Der Obstbaum, wie man ihn pflanzt und pflegt
    Mit 4 farb. Taf., nach d. Natur gezeichn. von Felix Kunze
    Verfasser
    Enkelmann, Paul
    Verlag der königlichen Hofbuchdruckerei Trowitzsch & Sohn
    Frankfurt a. d. Oder

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